Koloss von Rhodos
Koloss von Rhodos
Einer alten Tradition zufolge assoziieren wir bis auf den heutigen Tag hervorstechende historische Ereignisse oder häufiger noch, architektonische Glanzleistungen mit den Namen bestimmter Städte. Denken Sie nur einmal an Paris, baut sich da nicht sofort der Eiffelturm vor Ihrem inneren Auge auf? Oder was wäre Köln ohne seinen Kölner Dom? Die Beispiele sind Legion, ohne Zweifel, und lassen sich mühelos bis in die Antike zurückverfolgen.

Großer Beliebtheit erfreut sich seit damals eine Liste herausragender Werke, die seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. unter Zuhilfenahme der heiligen Zahl “Sieben” (wie z.B. auch bei den Sieben Weisen Griechenlands oder den Sieben Hügeln und Sieben Königen Roms) zu den “Sieben Weltwundern” zusammengefasst, fast zwei Jahrtausende lang literarisch bezeugt bleibt.
Die Anzahl der Weltwunder stand fest, nicht aber welche Werke man für gewöhnlich darunter verstand. So zählt der im 6. Jahrhundert n. Chr. lebende Bischof Gregorius von Tours die Arche Noah und den Tempel Salomons erstmals dazu, um die heidnischen Weltwunder der Zeusstatue und des Artemis-Tempels durch christliche zu ersetzen.
Als richtungsweisend und kanonisch bezüglich der Auswahl kann die Schrift des spätantiken Rhetors Philon gelten, die gleichzeitig auch die ausführlichste Beschreibung der folgenden Sieben Weltwunder ist:

Die hängenden Gärten von Babylon
Der Leuchtturm von Alexandria
Die Pyramiden von Gizeh
Die Zeusstatue des Phidias in Olympia
Der Artemistempel in Ephessos
Das Mausoleum von Halikarnass
Der Koloss von Rhodos

Als eines dieser Sieben Wunder ist der Koloss einerseits nicht nur aufs engste mit seiner Heimatstadt Rhodos verbunden, sondern andererseits auch seit der Antike weit über die Grenzen des eigenen Staatsgebietes hinaus bekannt und schon damals Ziel zahlreicher (Urlaubs-) Reisen gewesen.
Die schriftliche und bildliche Überlieferung ist mannigfaltig, doch trotz der Vielzahl der Quellen bleibt sie unvollständig, so dass einige Unklarheiten über das Bauwerk offen bleiben. Auf die Frage hin, wo er denn nun gestanden habe, der Koloss von Rhodos, wird z.B. gewöhnlich auf einen der vielen alten Stiche verwiesen, die die riesenhafte, über 30 Meter hohe Statue des Sonnengottes Helios in romantischer Verklärung breitbeinig über der Einfahrt des Mandraki-Hafens zeigen.

ENTSTEHUNG: Entspricht diese Abbildung gesicherter historischer Erkenntnis? Was wissen wir eigentlich wirklich über die Geschichte und das weitere Schicksal dieses Weltwunders? Die Entstehung der Statue ist unmittelbar mit einem wichtigen historischen Ereignis verknüpft. Die Stadt Rhodos wurde 305/4 v. Chr. von einem der Nachfolger Alexanders des Großen, Demetrios, mit dem Beinamen Poliorketes, der Städtebelagerer, mit großem Aufwand über längere Zeit hin belagert. Berühmt geworden ist dieser Gewaltakt durch die Vielzahl und die technischen Raffinessen der Belagerungsmaschinen, die der ehrgeizige hellenistische Herrscher dabei einsetzte. Aber trotz der ausgefeilten Angriffstechnik konnte sich Rhodos, mit tatkräftiger Unterstützung von außerhalb, gegen die Belagerer behaupten.
Als Dank für die Errettung wurde der Stadtgottheit Helios eine monumentale bronzene Statue des Sonnengottes geweiht, der Koloss.
Der Bildhauer Charis aus Lindos schuf den Schriftquellen nach diese Statue, die mit ihrer Höhe von etwas über 30 Metern ihresgleichen suchte in der griechisch-römischen Welt. Plinius der Ältere, ein römischer Schriftsteller des 1. Jahrhunderts n. Chr., gibt die Herstellungskosten mit 300 Talenten Silber an, das wären ca. 800 kg (!), eine unvorstellbar hohe Summe für die damalige - und auch die heutige - Zeit, und berichtet weiterhin, dass die Arbeiten 12 Jahre lang dauerten, d.h. bis ungefähr zum Jahr 292 v. Chr.
Zur Besonderheit des Werkes schreibt der schon weiter oben erwähnte Philon: “Hat nicht deshalb Zeus den Rhodiern gewaltigen Reichtum gegeben damit sie ihn zur Ehre des Helios aufwenden, indem sie das Bild des Gottes Schicht für Schicht von der Erde in den Himmel hinaufführen?“
Dieses aber sicherte der Künstler nach innen mit eisernem Rahmen und mit würfelförmigen Steinen, deren Querverklammerungen eine kyklopische Hammerbearbeitung aufwiesen. Der verborgene Teil der Arbeit ist großartiger als der sichtbare und der staunende Betrachter fragt sich, mit wie gearteten Feuerzangen, mit wie großen Ambossen oder mit wie viel Arbeitskraft die so schweren Stangen bearbeitet wurden.

STANDORT UND AUSSEHEN Von besonderer Bedeutung für die Rekonstruktion dieser gigantischen Meisterleistung ist zudem Philons Erwähnung einer weißen Basis aus Marmor, auf der der Koloss gestanden haben soll. Über das genaue Aussehen der Statue selbst gibt es viele und sich widersprechende Theorien, man geht aber allgemein von einer aufrechtstehenden nackten Gestalt mit Strahlenkranz im Haar und erhobener rechter Hand, in der sie eine Frucht hält, aus.
Als weitere Attribute des Gottes gelten Bogen und Köcher mit Pfeilen. Der Hinweis auf die marmorne Statuenbasis aber widerspricht bereits deutlich dem üblichen, romantischen Bild des breitbeinig über der Hafeneinfahrt stehenden Kolosses. Ebenfalls im starkem Gegensatz zu diesem vermuteten Standort sprechen andere historische Quellen, die berichten, dass bei dem verheerenden Erdbeben von 226 v. Chr., welches die gesamte Insel fast vollständig zerstörte, der Koloss nach nur 66 Jahren seines Bestehens in den Knien einknickte und dabei viele Wohnhäuser unter sich begrub. Eine weitere Erwähnung spricht von einem weithin gut sichtbaren, erhöhten Aufstellungsort nahe am Hafen, so dass sich mittlerweile innerhalb der Forschung eine neue Auffassung durchgesetzt hat.
Nach dieser müssen wir uns die Statue des Sonnengottes nahe des heutigen Großmeisterpalastes von weitem klar erkennbar an erhöhter Stelle und auf einer einheitlichen Basis stehend vorstellen.
Um diesen Gedankengängen nachzuspüren laden wir Sie zu einem Selbstversuch ein: Begeben Sie sich zum Fährhafen, wo die großen Schiffe anlegen, um von dort aus auf das gegenüberliegende Altstadtgebiet und die exponierte, deutlich höhere Lage des Großmeisterpalastes zu blicken, in dessen unmittelbarer Umgebung bereits seit der Antike Wohnbauten existierten. Scheint das nicht, unter Berücksichtigung der Quellen, ein viel plausiblerer Standpunkt für eine kolossale Statue, die auch einlaufenden Schiffen als Navigationspunkt dient?
Weder wurde in der Folgezeit versucht den Koloss von Rhodos wieder aufzustellen noch schmolz man aus Ehrfurcht vor dem Eigentum der Gottheit das wertvolle Metall aus seinen Überresten ein. Erst im Jahr 653 ließen sie arabische Eroberer, kleingesägt oder eingeschmolzen, auf Schiffe verladen. An ihrem Zielort angelangt, wurden sie auf Kamelrücken gepackt. Um diese gewaltige Last zu bewältigen - und um das Kolossale der rhodischen Statue ein letztes Mal herauszustreichen - sprechen die Quellen von einer benötigten Anzahl von 900 Kamelen!

Text und Bild mit freundlicher Genehmigung aus der Zeitung "Rhodos Urlauber"

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