Durch die Zeit spaziert
Autor:
Carl-Heinz Hödlmoser
Wenn wir die Altstadt von Rhodos durch ein beliebiges Tor, sagen wir durch das heutige "Tor der Freiheit", betreten, lassen wir das Heute hinter uns und betreten auch die Vergangenheit, das Mittelalter. Hier scheint die Zeit plötzlich anders zu laufen und obwohl das heutige Rhodos in den Rhythmen des modernen Lebens pulsiert, werden wir das nach nur ein paar Schritten zwischen diesen alten Mauern vergessen können.

Wir stehen also am Simi-Platz, einst die Gegend wo sich die Schiffswerften der Johanniter befanden, und sehen vor uns die Zeugen einer noch älteren Vergangenheit, Ruinen und Überreste des antiken Tempels der Aphrodite. Die Gebäude gegenüber, eine kleine Gemeindepinakothek und eine Zweigstelle der Nationalbank, von den Italienern zur Zeit ihrer Besatzung errichtet, geben bereits einen Vorgeschmack auf die spätgotische Architektur des einst von den Rittern bewohnten Teils der Altstadt Hinter dem Ausgrabungsgelände, an die Stadtmauer gebaut, können wir aber auch wenn wir genau hinsehen die vergitterten und mit Arabesken geschmückten Fenster eines echten Serails, eines Harems aus der Türkenzeit bestaunen.
Zeiten und Kulturen treffen sich und während wir auf den mächtigen Torbogen zugehen, der hier den eigentlichen Anfang der Altstadt kennzeichnet, liegt rechts von uns ein kleiner Platz mit einem Springbrunnen: Hier ist das volkskundliche Museum der Stadt zu sehen, geöffnet täglich zwischen 9:00 und 15:00 Wiederum ein anderes, und vielleicht ursprünglicheres Gesicht, des Landes. Übrigens ist auch dieser Springbrunnen unsere genauere Betrachtung wert, er besteht nämlich aus einem frühchristlichen Taufbecken, das von den Italienern seinerzeit bei einem Dorf der Insel gefunden wurde.
Ein paar Schritte weiter und wir befinden uns nun vollends in einer anderen Welt. Wir stehen auf einem Platz der heute "Museumsplatz" genannt wird und wenn wir auf die Details achten, wird uns sofort ein weiteres Mal bewusst, was für einen Schnittpunkt von Kulturen Rhodos darstellt und dargestellt hat. Da ist zwanzig Meter links vor uns der Eingang zu einer Kirche. Es ist die "Madonna des Kastells", ein Gebäude mit einer Geschichte, die so wechselhaft ist wie die seiner Umgebung: ein ursprünglich byzantinisches Gotteshaus wurde zuerst von den Johannitern umgebaut und mit einem gotischen Überbau versehen, um anschließend von den türkischen Eroberern als Moschee verwendet zu werden.
Heute ist die vor allem von innen beeindruckende einstige Kirche ein Ausstellungsraum, in dem wir alte byzantinische Ikonen und Fresken von verschiedenen Klöstern der Dodekanes sowie, im kleinen Innenhof, römische und frühchristliche Bodenmosaike bewundern können.
Genau gegenüber der "Madonna der Burg" beginnt eine Straße, sie führt leicht ansteigend nach rechts hinauf, und selbst in der an Eindrücken so reichen Altstadt ist dieses Bild einmalig und wohl nicht zu vergessen: Vor uns liegt die "Ritterstraße" an der im Mittelalter die Unterkünfte der Johanniter, die sogenannten "Herbergen", nach Sprachzugehörigkeit getrennt, lagen. Hohe Gebäude aus Sandsteinblöcken, Erker, kleine Türme, gusseiserne Laternen, niemand kann sich der Atmosphäre dieser, laut Kennern, am besten erhaltenen spätgotischen Straße Europas so leicht entziehen, vor allem nicht nach Einbruch der Dunkelheit.. Wenn wir uns entschließen die Ritterstraße hinaufzugehen führt sie uns zu einem imposanten Torgewölbe mit dem Eingang zum Großmeisterpalast.
Auf einer natürlichen Anhöhe gebaut dominiert dieses beeindruckende Gebäude das Hafenbild von Rhodos heute wie einst, auch wenn es in seiner jetzigen Form dem Original wahrscheinlich nur ähnelt: 1856 zerstörte die Explosion einer vergessenen Pulverkammer große Teile des Palastes fast bist auf die Grundmauern. Erst die Italiener errichteten ihn in den 20er und 30er Jahren wieder, wobei sie sich weitgehend an alte Abbildungen hielten. Wir können noch an vielen Stellen sehen, wo sich das neue Mauerwerk von dem alten abhebt.
Doch gehen wir weiter in den Museumsplatz hinein, sollten wir zuerst einen Blick nach links auf den osmanischen Brunnen unter der alten Platane werfen: eine Koransure ist in arabischen Schriftzeichen auf dem weißen Marmor über dem Wasserspeier eingemeißelt und erinnert wiederum an eine andere Epoche aus der Geschichte von Rhodos, an die fast vierhundert Jahre der türkischen Besetzung.
Aus Angst vor Aufständen war es Griechen damals verboten in der Altstadt zu wohnen, nur Türken, Juden und Franken war dies gestattet. Noch an vielen anderen Orten werden wir Zeugnisse orientalischer Kultur finden, an Häuserfassaden, an öffentlichen Plätzen und nicht zuletzt in den vielen kleinen und großen Moscheen mit ihren zum Teil noch sehr gut erhaltenen Minaretten.
Natürlich hat dieser Platz seinen Namen von dem Archäologischen Museum der Stadt: es ist das beeindruckende Gebäude, das sich von der Ecke, wo die Ritterstraße in den Platz mündet über seine ganze Länge hin erstreckt. Einst war dies das Spital der Johanniter, die, ursprünglich als "Hospitaller-Orden" zur Betreuung der Pilger während der Zeit der Kreuzzüge in Jerusalem gegründet, den Dienst an den Kranken und Bedürftigen als wesentlichen Teil ihrer Ordenspflicht auffassten.
In den Gewölben links und rechts des architektonisch sehr interessanten Eingangsportals wurden zu ihrer Zeit wahrscheinlich Arzneien und Heilkräuter verkauft. Auch in seinem Inneren beeindruckt das einstige Spital mit seinen großen und kleinen Innenhöfen und den schattigen Säulengängen, die einen passenden Rahmen für die vielen Ausstellungsstücke aus wiederum einer anderen Epoche der rhodischen Geschichte bilden: das Archäologische Museum der Stadt ist geöffnet und seinen eigenen Besuch, am besten mit fachkundiger Führung, wert.
Gehen wir die Straße einfach geradeaus weiter, verlassen wir schließlich die "Platia Mousiou" - und die Atmosphäre wird lebhafter, farbenfrohe Auslagen rechts und links zeigen uns deutlich, dass wir das Geschäftsviertel der Altstadt erreicht haben.
Rhodos war schon immer ein wichtiger Knotenpunkt des Handels im östlichen Mittelmeer und hier, zwischen schattigen Plätzen mit Restaurants und Cafes und kleinen und großen Läden mit Modeschmuck, Antiquitäten, Souvenirs und vielem mehr können wir uns eine gute Vorstellung von den Begegnungen der Händler und Kaufleute aus der ganzen damals bekannten Welt machen. Vielleicht liegt der größte Unterschied in den Sprachen, die wir rund um uns hören können: statt dem Türkischen und Genuesischen des Mittelalters klingt viel häufiger um uns herum Schwedisch oder Englisch!
Es ist nicht mehr weit von hier zum Ippokrates-Platz, dem malerischen Zentrum der Altstadt. Hier können wir eine Pause machen und vielleicht in einem der Terrassencafes einen Frappe trinken, eiskalten Nescafe, ein sehr beliebtes Sommergetränk hier in Griechenland, während wir in Ruhe dem Treiben rings um uns zuschauen. Vielleicht wird uns hier auch der Charme dieser Altstadt wieder ganz besonders bewusst, ihr Nebeneinander von Menschen, Zeiten und Kulturen.
Beachten Sie die große Treppe, die an einer Ecke des Platzes auf ein Gebäude im Ritterstil hinaufführt: in diesem Haus befand sich das Handelsgericht der Johanniter, die auf eine geregeltes Miteinander der Händler aus vielen Ländern hier auf Rhodos großen Wert legten. Heute ist hier eine Bibliothek untergebracht, ihr Eingang liegt gleich um die Ecke.
Die Straße an dieser Bibliothek vorbei führt zu einem weiteren Platz und erreicht danach recht bald die westliche Mauer der Altstadt. In dieser Gegend lag früher das Judenviertel und noch heute steht hier in der Nähe eine Synagoge, die manchmal besichtigt werden kann. Ein wenig weiter vorn können wir wiederum ein architektonisches Denkmal aus der Johanniterzeit sehen, die "Madonna der Burg" mit ihren drei sehr gut erhaltenen gotischen Altarspitzbögen, während in der Herberge der Heiligen Katerina ca. 100 m von da, einst ein Hospiz für adelige Pilger, heute kulturelle Veranstaltungen abgehalten werden und auch ein kleines Museum untergebracht ist. Aber diesmal geht unser Spaziergang in die andere Richtung.
Trinken wir also unseren Frappe aus und betreten wir vom Ippokratous Platz aus, die Hauptstraße der Altstadt, eine Mischung aus Basar und Promenade und vielleicht der heimliche Höhepunkt dieses Tages, die Sokratousstraße. Es gibt hier Dutzende von Juwelieren, Boutiquen, Souvenirgeschäften, Pelz- und Lederwaren, Teppichhändlern und, und, und - sicherlich werden auch Sie das ein oder andere Geschenk für sich und ihre Daheimgebliebenen von hier mitnehmen!
Die Sokratous führt leicht bergauf, auf den gleichen Hügel auf dem der Großmeisterpalast erbaut ist, und an ihrem oberen Ende können wir schon von Weitem ein in einem eigentümlichen Rot bemaltes Gebäude sehen: das ist die Moschee des Sultan Suleyman, erbaut zum Gedenken an seine Eroberung von Rhodos im Jahr 1523. Das vor ein paar Jahren wegen Baufälligkeit abgetragene Minarett war einst von dem Architekten in direkter optischer Linie mit der Sokratous angelegt worden, als Wegweiser und bleibende Erinnerung an den Sieg der Osmanen.
Auch heute noch können wir, gegenüber von der Moschee, dort wo die Sokratous in die Orfeous übergeht, eine türkische Bibliothek mit kostbaren Handschriften besichtigen, ein sehr schönes, idyllisches Gebäude, um einen Innenhof herum erbaut.

Übrigens: etwa in der Mitte unserer Basarstraße sehen wir einen kleinen Platz mit einer großen Platane und einem Café, doch nur ein paar Schritte davor, an der rechten Straßenseite von unten gesehen, kommen wir an Rhodos` ältestem Kaffeehaus vorbei. In einem hohen Gewölbe mit einem charakteristischen Kieselfußboden stehen alte Tische und Holzstühle und durch die offenen Fenster der Eingangsfront können wir oft backgammonspielende Männer - und Touristen! - ihren griechischen Kaffee genießen sehen.
Oben angelangt und an der Suleyman-Moschee vorbei, nähert sich unser Spaziergang seinem Ende: die Orfeous-Straße ist ruhiger, gemütlicher als die Sokratous, es ist nicht weit zum Großmeisterpalast, dessen imposanten Vorhof und Eingangstor wir gleich hinter dem Uhrturm rechts sehen können. Ein paar Schritte weiter und wir verlassen die Altstadt durch das Amboise-Tor, ein beeindruckendes Beispiel der Festungsarchitektur der Ritter.
Davor kommen wir allerdings noch an den Malern vorbei, die sich eine wunderschöne Kulisse ausgesucht haben, um Porträts und Karikaturen für groß und klein in oft erstaunlich kurzer Zeit zu zeichnen: im Schatten großer Bäume... und unter der mächtigen Silhouette des Palastes der Johanniter.
Wir haben nur einen kurzen Rundgang miteinander gemacht, einen Spaziergang entlang der wichtigsten Straßen und Plätze der Altstadt. Wo immer Sie an dieser Route nach rechts oder links abbiegen, werden Sie sich unversehens in einem Gewirr von Gassen und Gässchen wiederfinden, die ihren ganz eigenen und sehr menschlichen Charme haben. Hier werden Sie viel Ursprüngliches sehen, manchmal durch eine geöffnete Tür einen Blick in einen meistens überraschend großen und grünen Innenhof werfen können oder plötzlich auf einem schattigen kleinen Platz mit malerischen Tavernen gelangen.
Die Gebäude sind fast ausnahmslos Jahrhunderte alt, viele baufällig und auch manche Ruine wird ihnen auffallen, Zeugen der Geschichte, doch nicht großer Ereignisse wie wir sie in Büchern beschrieben finden, sondern der Generationen von Menschen, die sie erst möglich machen. Hier können Sie dabei ein wenig Ihr ganz persönliches Abenteuer suchen und auf Entdeckungsreise gehen.
Achten Sie dabei auf die kleinen Details, auf Stimmen, Gerüche und Ausblicke und die Altstadt von Rhodos, dieser Schnittpunkt von Abendland und Orient, wird Ihnen ganz sicher unvergesslich bleiben.

Text und Bild mit freundlicher Genehmigung aus der Zeitung "Rhodos Urlauber"

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